Der Mentor der chilenischen Schlächter

Er wäre heute 100 Jahre alt geworden. Hätte er Physik oder Chemie studiert, er wäre ein guter Waffenenschmied geworden. Aber auch als Ökonom entwickelte er eine äußerst wirksame  Massenvernichtungswaffe: den Monetarismus. Bevor daraus die Reaganomics und der Thatcherismus wurden, probierte er im „Labor“ aus, wie die Waffe wirkt, in Chile ab 1973, wo er ideale Bedingungen vorfand: Eine brutale Militärdiktatur aus Mördern und Halsabschneidern, die keine Skrupel und kein Mitleid kannten. Und er war stolz auf die Wirkungsweise seiner Ökonomik – Milton Friedman.

Das Auge des Hurrikans: Milton Friedman und der globale Süden

Die Menschen des globalen Südens werden Professor Friedman von der Chicagoer Universität als das Auge eines menschgemachten Hurrikans in Erinnerung behalten – eines Hurrikans, der eine Schneise der Verwüstung durch ihre Ökonomien schlug. Noch lange werden sie den Namen Friedman mit zwei Dingen in Verbindung bringen: mit den chilenischen Reformen des Freien Marktes und den „Strukturanpassungsprogrammen“ in der so genannten ‚Dritten Welt‘.
Kurz nach dem Staatsstreich gegen die Regierung Allende am 11. September 1973 übernahmen chilenische Absolventen der Friedman-Schule (bald bekannt unter dem Namen „Chicago Boys“) das Ruder der chilenischen Wirtschaft und führten, mit großem missionarischem Eifer, ein Wirtschaftstransformationsprogramm durch. Angesichts seiner vielzitierten Behauptung, politische Freiheit und Marktfreiheit gingen Hand in Hand, müsste Friedmann, dem Guru, die Ironie eigentlich aufgefallen sein, dass in Chile ausgerechnet die Bajonette einer der blutigsten Diktaturen Lateinamerikas das Paradies des Freien Marktes durchsetzten.
Friedman hat Chile während der Pinochet-Diktatur besucht und die Bemühungen des Regimes für eine radikale, exportorientierte, freie Marktwirtschaft gewürdigt. Friedman pries den chilenischen Diktator Augusto Pinochet – weil er sich „aus Prinzip völliger Marktfreiheit“ verpflichtet habe. Friedman hielt Vorträge über ‚Die Fragilität der Freiheit‘ – im Kontext Chiles dürfte dies wie purer Hohn geklungen haben. Friedman warf seinen Kritikern vor, ihn wegen der Menschenrechtsverstöße des chilenischen Regimes am liebsten „teeren und federn“ zu wollen. Und dennoch war er stolz darauf, der doktrinäre Geist hinter dem „chilenischen Wunder“ (Friedman) zu sein.

Das chilenische Experiment

Nachdem die Friedman-Schüler mit Chile fertig waren, war das Land tatsächlich radikal transformiert – allerdings im negativen Sinne…
Die Politik der freien Marktwirtschaft hatte Chile zwei große Wirtschaftsdepressionen in nur einer Dekade beschert (1974 bis 1975 (das Bruttosozialprodukt fiel um 12%) und 1982 bis 1983 (das Bruttosozialprodukt fiel um 15%)).
Die Ideologie des freien Marktes geht davon aus, dass freie Märkte zu einem robusten Wirtschaftswachstum führen. Doch im Gegenteil, das durchschnittliche Bruttosozialprodukt Chiles, während seiner „Jakobinerjahre“ (Friedman-Pinochet-Revolution zwischen 1974 und 1989), lag bei nur 2,6% (gegenüber über 4% in den Jahren zwischen 1951 u. 1971, als der Staat noch eine weit größere Rolle in der chilenischen Wirtschaft spielte). Am Ende der Periode der radikalen ‚freien Marktwirtschaft‘ waren (soziale) Ungleichheit und Armut signifikant gestiegen. Der Prozentsatz der Familien unterhalb des „Existenzminimums“ stieg zwischen 1980 und 1990 von 12 auf 15 Prozent. Der Prozentsatz derer, die unterhalb der Armutsgrenze aber noch über dem Existenzminimum lebten, stieg im selben Zeitraum von 24 auf 26 Prozent. Das heißt, in der Endphase des Pinochet-Regimes waren rund 40% der chilenischen Bevölkerung – also 5,2 von 13 Millionen Menschen – arm.
Sieht man sich die nationale Einkommensverteilung an, so sank der prozentuelle Anteil den die ärmsten 50 Prozent der Bevölkerung am nationalen Einkommen hatten, von 20,4% auf 16,8%. Die 10 Prozent Reichsten im Land konnten ihren Anteil am Nationaleinkommen hingegen dramatisch verbessern – von 36,5 auf 46,8%. Für Chiles Wirtschaftsstrukturen bedeutete diese Kombination aus labilem Wachstum und radikalem Handelsliberalismus eine „Deindustrialisierung im Namen von Effizienz und Inflationsvermeidung“, wie es ein Ökonom einmal ausgedrückt hat. Der Anteil der Produktion am Bruttosozialprodukt ging zurück. Ende der 60ger Jahre hatte dieser Anteil im Durchschnitt 26% betragen, Ende der 80ger nur noch 20%. Viele metallverarbeitenden Betriebe und verwandte Branchen des produzierenden Gewerbes blieben auf der Strecke. Die Wirtschaft war exportorientiert – Schwerpunkt landwirtschaftliche Produkte und Ressourcenförderung.

Eine abgemilderte Form des Friedmanismus

Anfang der 90ger Jahre endete in Chile die radikale Friedman-Pinochet-Ära der ökonomischen Konterrevolution, und die so genannte ‚Concertation‘ kam an die Macht. Das war eine Mitte-Links-Koalition, die gegen klassische Friedmansche Regeln verstieß und – zum Zwecke einer besseren Einkommensverteilung – die öffentlichen Ausgaben erhöhte. Der Anteil der Chilenen in Armut sank von 40 auf 20 Prozent. Diese Veränderung stärkte die Binnennachfrage und führte in der Post-Pinochet-Phase zu einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von rund 6 Prozent.
Allerdings war die sozialdemokratische Regierung nicht gewillt, sich mit der Oberschicht anzulegen. Die neoliberale Wirtschaftspolitik blieb in ihren Grundzügen unangetastet – auch der ökonomische Schwerpunkt auf Ausfuhr (von Landwirtschaftsprodukten und Naturressourcen) blieb. Die Fokussierung auf den Export von Primärprodukten hat zu enormen Umweltbelastungen geführt. Die Küsten Chiles sind überfischt. Dieses Phänomen geht Hand in Hand mit der Verbreitung von Farmen für Frischwasserlachs und Muscheln weiter im Innern, die das ökologische Gleichgewicht stören. Eine boomende Holzexportindustrie betrieb die Ausbreitung von Baumplantagen – zu Lasten der natürlichen Wälder. Chile steht auf Platz Zwei der am meisten abgeholzten Länder Lateinamerikas – direkt hinter Brasilien auf Rang Eins. Ökologie-Management gilt in Chile allgemein als ineffektiv und wird durch exportorientierte Wachstumszwänge kontinuierlich hintertrieben.

Die „Revolution“ wird exportiert

Chile war das Versuchskaninchen. An Chile hat man das Paradigma des Freien Marktes getestet. Anfang der 80ger Jahre wurde dieses Paradigma auf andere Länder der so genannten ‚Dritten Welt‘ übertragen – via IWF und Weltbank. Rund 90 Ökonomien – in so genannten ‚Entwicklungsländern‘ und ehemaligen sozialistischen Ländern – wurden so nach und nach den „Strukturanpassungs-„Programmen des Freien Marktes unterworfen. Von Ghana bis Argentinien wurde der staatliche Einfluss auf die Wirtschaft drastisch gekappt, Staatsunternehmen im Namen der Effizienz in private Hände gegeben, protektionistische Importbeschränkungen für Waren aus dem (globalen) Norden völlig abgeschafft, Restriktionen für ausländische Investitionen aufgehoben und die einheimische Wirtschaft durch eine Export-first-Politik eng an den kapitalistischen Weltmarkt gekoppelt.
In den 90gern sollte eine Politik der strukturellen Anpassungsprogramme (SAPs) die Ökonomien der so genannten Entwicklungsländer beschleunigt auf die Globalisierung vorbereiten. Diese Politik hat in den meisten dieser Länder genau dieselbe Ungleichheit, Armut und Umweltproblematik beschert wie damals Chile (abzüglich des mäßigen Wachstums in Chile nach Ende der Friedman-Pinochet-Ära). Der Weltbank-Chefökonom für Afrika gesteht: „Wir haben nicht gedacht, dass die Humankosten dieser Programme so hoch sein könnten und die ökonomischen Erfolge so lange brauchen würden“. Die SAPs gerieten derart in Verruf, dass Weltbank und IWF sie rasch umbenannten. Schon Ende der 90ger war von ‚Armutsreduzierungsstrategie-Papieren‘ die Rede.
Freier Markt und die Politik der Strukturanpassungen sind mittlerweile institutionell so verankert, dass ihre Herrschaft immer weitergeht – obgleich inzwischen allgemein anerkannt ist, dass sie nicht funktionieren. Das Vermächtnis des Milton Friedman wird den so genannten ‚Entwicklungsländern‘ noch lange erhalten bleiben. Es gäbe daher keine passendere Inschrift für Milton Friedmans Grabstein als folgende Zeilen aus Shakespeares ‚Julius Caesar‘: „Das Böse, das die Menschen tun, lebt nach ihrem Tode weiter, das Gute wird meist schon mit ihren Knochen begraben“.

Walden Bello ist Professor für Soziologie an der University of the Philippines and leitender Direktor des Instituts ‚Focus on the Global South‘ mit Sitz in Bangkok.

Milton Friedman wäre vielleicht besser nie geboren worden.

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