Der Architekt und seine Kundschaft

Oder wie die SPD auch die allerletzten Reste ihrer Glaubwürdigkeit verspielt:

Stellen Sie sich vor, Sie besitzen ein Mehrfamilienhaus.

Es ist schon ein bisschen älter und es gehört Ihnen auch nicht allein, sondern zur Hälfte Ihrem Bruder, Schwester, Tante, Onkel, wie auch immer.

Eines Tages stellen Sie gemeinsam fest, dass das Haus wohl etwas in die Jahre gekommen ist und renoviert werden muss. Darüber sind sie sich schnell einig.

Sie plädieren für eine behutsame Erneuerung, Ihr Mitbesitzer für eine radikale. Er präsentiert Ihnen auch gleich den Architekten, der die fertigen Pläne sogleich aus der Tasche zaubert.

Sie fühlen sich zwar etwas überfahren, aber nach einigem Hin und Her und mit Bauchgrimmen stimmen Sie den radikalen Maßnahmen zu, obwohl Sie immer wieder warnen, man dürfe den Charakter des Hauses nicht verändern, weil es dann an Wert verliere.

Trotzdem geschieht alles nach dem Willen Ihres Mitbesitzers. Er scheint einfach die besseren Argumente zu haben: Mit seinen Umbauten sei das Haus in dieser Lage viel besser zu vermieten und so weiter und so fort. Der Architekt waltet seines Amtes und werkelt an Ihrem Haus wie es ihm beliebt: Er hat ja volle Rückendeckung.

Sie hoffen insgeheim natürlich auch auf eine bessere Rendite. Deshalb klagen Sie auch nicht, als der erste Mieter unter Protest auszieht, als die Mieterhöhungen im renovierten Haus kommen.

Mit der Zeit ziehen aber immer mehr Mieter aus, weil nicht nur die Miete zu hoch ist, sondern sich eklatante Mängel am sanierten Haus zeigen.

Sie sind alarmiert und verlangen von Ihrem Mitbesitzer und dem Architekten Klarheit und Nachbesserungen. Sie werden mit dem Argument, das seien alles nur Nörgler, abgebügelt.

Sie üben sich in Geduld. Aber je länger Sie warten, desto schlimmer wird es: Immer mehr Mieter nehmen Reißaus, immer verstockter werden die Reaktionen Ihres Mitbesitzers und des Architekten.

Sie warten auf den Tag X und er kommt: Mehr und mehr Mieter sind ausgezogen bis auf die, welche nirgendwo anders als Mieter akzeptiert würden und die, die nirgendwo anders wohnen wollen – und nun passiert die Katastrophe: Das Haus stürzt ein. Zum Glück kommt niemand wirklich zu Schaden.

Am nächsten Tag stehen Sie mit Ihrem Mitbesitzer und dem Architekten vor den rauchenden Trümmern der Bude: der eine fassungslos, der andere fest davon überzeugt, dass der Einsturz sicher nicht an seinen Modernisierungen gelegen habe, worauf er Wert lege. Gleichwohl werde er aber den Auftrag, das Haus neu aufzubauen, gerne annehmen. Gerne auch in Generalunternehmerschaft. Schließlich wolle er sich nicht aus der Verantwortung stehlen. Sie sind empört. Ihr Mitbesitzer dagegen schöpft neue Hoffnung: Hatte der Architekt sich beim ersten Mal nicht eigentlich bestens bewährt und ihm viel unangenehme Arbeit abgenommen? Freudig stimmt er zu.

Sie wissen es besser: Jahrelang haben Sie sich die Klagen der Mieter über die Mängel am Haus angehört, gewusst, wie gefährlich das Ganze war. Jetzt ist der Kladderadatsch da.

Doch statt dem Architekten das Vertrauen zu entziehen und einen neuen, verantwortungsbewussteren zu engagieren, willigen Sie ein, den alten noch einmal zu beauftragen. Wider besseres Wissen.

Verrückt? Unmöglich? Absurd? Grotesk? Bizarr?

Aber nicht doch! Heute passiert, in der Fraktionssitzung der SPD in Berlin: Frank Walter Steinmeier, der Architekt der Agenda 2010, wurde mit 126 Ja- gegen 16 Nein-Stimmen zum neuen Fraktionsvorsitzenden gewählt.

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