Fraports „Nachhaltigkeit“ – Reality Check 1: FAILED

Mit dem baldigen Abriss des Hofguts Klaraberg wird den Kelsterbachern von der Fraport nicht nur ein weiteres Stück Heimat genommen, sondern eine über 700 Jahre alte Landmarke am Main zerstört.

Die Gebäude am Klaraberg sind die ersten, die der Reisende und auch der Kelsterbacher zu sehen bekommt, wenn er von Raunheim kommend, das Städtchen erreicht, das um 830 seine erste urkundliche Erwähnung fand. Dieses  ehemalige Hofgut ist mindestens 720 Jahre alt, wenn auch die Gebäude, die heute auf dem Gelände stehen, weit jüngeren Ursprungs sind.
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Dennoch überstand das Gut Jahrhunderte voller Bedrohungen durch Raubritter, marodierende Söldner, französische, kaiserliche, schwedische wiederum französische und preußische Truppen, deutsche und französische und zuletzt amerikanische Soldaten, im 30-jährigen Krieg, zu  Zeiten der Raub- und Eroberungskriege Ludwigs des XIV. von Frankreich, den 7-jährigen Krieg, Napoleons Größenwahn, die Restauration, den deutsch-französischen Krieg 1870/71, den 1. Weltkrieg und schließlich auch das 1000-jährige Reich, das innerhalb von lächerlichen 12 Jahren am Ende war.

Beim aktuellen Recherchestand ist die Geschichte des Klarabergs bis ins 19. Jahrhundert eigentlich schnell erzählt:

„Im Jahr 1290 verkaufte Gottfried von Eppstein zwei Bauerngüter am Rande der Dreieich, an der Heerstraße nach Mainz: den Mönchhof und das Gut Klaraberg. Der Mönchhof ging in den Besitz der Mönche des Klostergutes Haßloch über, das dem Kloster Eberbach im Rheingau gehörte. Das Gut Klaraberg kam in den Besitz des St. Klaraklosters in Mainz. Ein steinernes Kreuz gegenüber der Einfahrt erinnert noch an jene Zeit.“(1)
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Die folgenden 491 Jahre änderte sich nichts an diesem Umstand und das Gut trug dazu bei, den Wohlstand und den Reichtum der Clarissen, wie die Nonnen des St. Klaraklosters in Mainz genannt wurden, zu erhalten und zu mehren.

Erst nach 1774 änderte sich etwas, dann aber radikal, denn der neue Kurfürst und Erzbischof von Mainz, Friedrich Karl Joseph Reichsfreiherr von Erthal, auf dessen Territorium das „Reichsklara“ (St. Klarakloster) lag, brauchte Geld für seine Universität, deren Rektor er bis 1763 gewesen war.

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Die Mainzer Kleriker und Adligen waren erfindungsreich: Sie beschlossen, drei Klöster aufzulösen, darunter auch das Reichsklara und mit deren Vermögen einen Fonds aufzusetzen, der in Zukunft das höhere Bildungswesen in Mainz finanzieren sollte.

Langwierige Geheimverhandlungen mit dem Papst in Rom und dem Kaiser in Wien führten schließlich zum erwünschten Ergebnis und die Klöster wurden handstreichartig im Morgengrauen des 15. November 1781 aufgelöst und ihr gesamtes Vermögen beschlagnahmt. „Noch am 15. November wurden mehrere Notare beauftragt, sich umgehend mit zwei Zeugen in das hessische Territorium zu begeben, um von den dortigen Gütern und Rechten der drei aufgelösten Klöster Besitz zu ergreifen.
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Die Herren reisten in aller Frühe per Kutsche in die betreffenden Ortschaften, suchten sofort den Ortsvorsteher [Johann Peter Georg in Alt-Kelsterbach] auf, ließen sich die Güter zeigen und nahmen notariell von ihnen Besitz. Der Notar ließ die Pächter der Güter versammeln, verpflichtete sie auf den neuen Pachtherrn und forderte sie auf, ihre Pacht in Zukunft bei der Universität in Mainz abzuliefern.“ Von nun an sollten also die Güter an den Universitätsfonds zahlen, der im Übrigen heute noch besteht und als Großgrundbesitzer die Mainzer Universität finanziert.

Da die Gegenmaßnahmen der hessischen Regierung nicht lange auf sich warten ließen, kamen in der Folge aber wohl nur sehr wenige Pachtzahlungen tatsächlich in Mainz an. Der hessische Landgraf war nämlich der Meinung, dass die hessischen Besitzungen der Klöster durch ihre Auflösungen „herrenlos“ geworden waren und zog sie umstandslos ein.

Was folgte, war ein jahrzehntelanger Rechtsstreit vor kaiserlichen Gerichten um die Rechte an diesen Besitzungen wie dem Mönchhof und dem Klaraberg, der sein Ende erst 1803 fand: „Sämtliche Besitzungen und Einkünfte der drei ehemligen Klöster auf dem rechten Rheinufer gingen“ mit dem Reichsdeputationshauptschluss am 21. Februar 1803 „verloren. Sie wurden verschiedenen Fürsten als Ersatz für entzogenen Ländereien auf dem linken Rheinufer zugewiesen. […] Die ursprünglich rechtswidrige Aneignung war durch die Säkularisation sanktioniert worden“.(2)

Damit befanden sich die Güter endgültig im Besitz der Landgrafen zu Hessen-Darmstadt, später des Großherzogtums Hessen-Darmstadt.

Gut zu erkennen: Der ehemalige Vierseithof. Das Wohngebäude stand an derselben Stelle wie heute. Das Gebäude zum Main hin wurde erst im 20. Jhdt. abgerissen.

Gut zu erkennen: Der ehemalige Vierseithof. Das Wohngebäude stand an derselben Stelle wie heute. Das Gebäude zum Main hin wurde erst im 20. Jhdt. abgerissen.

Noch einmal findet der Klaraberg Erwähnung im „Heimatbuch Kelsterbach“: „Die ‚Erbauung einer Kreisstraße‘ von Raunheim über Kelsterbach bis zur preußischen Grenze war im Jahr 1883 abgelehnt worden. – Am 28. Januar 1894 erklärte Bürgermeister Vonhof in einem Bericht an das Kreisamt, der Gemeinderat wolle ‚dem allgemeinen Kulturfortschritt Rechnung tragen‘ und sei mit der Ausführung des Projekts einverstanden, wenn der Eigentümer der Gemarkung Mönchhof und Klaraberg, der Großherzogtümliche Fiskus, sich bereit erkläre, das Gelände zur Verfügung zu stellen und anstatt der Gmeinde Kelsterbach ein Viertel der auf die Gemarkung entfallenden Wegekosten zu tragen. Man habe erfahren, dass beabsichtigt sei, die neue Straße auf die Stockstraße zu verlegen und durch den Distrikt Staudenwald bis zum Bahnwärterhaus zu bauen. […] Man sei nicht geneigt, eine Waldfläche zu diesem Zweck abzuholzen. [Kelsterbacher, merkste was? :-)] Die Gemeinde habe „nur unbedeutendes Interesse“ an der Kreisstraße…“(3)

Soweit die Geschichte des Klarabergs, wie sie sich derzeit darstellt. Seit 1803 war das Hofgut hessische Staatsdomäne bis etwa 1961/62. Danach ging das Gut zusammen mit dem Mönchhof, dessen Gebäude bis auf die Mönchhofkapelle bereits in den 60er Jahren abgerissen wurden,  an die Hoechst AG, die dort mit ihrer Sparte Crop Sciences an neuen Getreidesorten forschte. Nach der Zerschlagung des Chemieriesen wurde das Gelände an die Fraport weiterverkauft.

Den Mönchhof und den Klaraberg verband übrigens nicht nur ihr gemeinsames Schicksal, sondern offenbar auch ein Stollen, der am Ende des 2. Weltkriegs von den Amerikanern entdeckt wurde. Bei diesem Stollen wird es sich vermutlich um einen Fluchtstollen gehandelt haben: gebaut für Nonnen und Mönche, die durch Diebsgesindel in Bedrängnis gerieten oder auch als Verbindungsgang für menschlichere Bedürfnisse. Es existiert auch eine Schauergeschichte von angeblich im Stollen aufgefundenen Säuglingsskeletten – eine Legende wie sie wohl überall im Umkreis von Klöstern kursieren…

Schon dieser kurze Abriss zeigt, dass der Klaraberg für Kelsterbach nicht nur als Landmarke von Bedeutung ist, sondern darüber hinaus auch als Zeugnis von Jahrhunderte andauernder Wirtschafts- und Kulturgeschichte erhaltenswert ist.

Daher ist es vollkommen unverständlich, dass die Fraport die Gebäude abreißen will, zumal sie sich das Wort „Nachhaltigkeit“ doch immer wieder ans Revers heftet. Wenn dieses Wort nicht zur sinnentleerten Hülse verkommen oder nur der Verschleierung knallharter Gewinnmaximierung dienen soll und – auch – auf Kosten der kulturellen Identität nicht nur des Städtchens Kelsterbach, sondern auch einer ganzen Region gehen soll, dann wird die Fraport geeignete Mittel ergreifen und investieren, um diese historsiche Landmarke zu erhalten.

Bilder vom Klaraberg heute:

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(1) „Heimatbuch Kelsterbach, Band 1, hg v. G. Steubing, H. Stuckert, H. Möser, K. Laun, Kelsterbach 1986, S. 31
(2) vergleiche: „225 Jahre Mainzer Universitätsfonds„, 2006, S. 15 – 36
(3) „Heimatbuch Kelsterbach“ S. 160 f.

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