Spechte sollen in Pyramiden ziehen

BUND kristisiert geplante Art der Totholzaufstellung in den Kelsterbacher Restwaldflächen als „Fraports Öko-Schwachsinn“

Von Thomas Norgall, Naturschutzreferent, BUND Hessen

Als „Öko-Schwachsinn“ bewertet der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die ihm nun bekannt gewordenen Vorstellungen für so genannte Natur-Schutzmaßnahmen im FFH-Gebiet Kelsterbacher Wald. Danach beabsichtigt die Fraport AG nicht nur die für den Flughafenausbau bereits gefällten Bäume in den verbleibenden Restwaldflächen des Kelsterbacher Waldes wieder aufzustellen, sondern sie will dies allen Ernstes so durchführen, dass dadurch weitere Bäume absterben werden. BUND Vorstandssprecherin Brigitte Martin ist über diesen Zynismus schockiert: „Wir sind von der Fraport AG schon einiges gewöhnt, doch dieser Öko-Schwachsinn schlägt dem Fass den Boden aus.“

„Ökoholz-Ausführungsplanung“ lautet der Titel einer dem BUND offiziell vorenthaltenen Unterlage der Fraport vom 19.02.2009. In der Ausführungsplanung wird beschrieben, wie „mehrere tausend Stämme gefällter Eichen sowie sonstiges heimisches Laubholz“ aus dem Rodungsbereich in die Restwaldflächen des Kelsterbacher Waldes verbracht und dort als „stehendes Totholz“ wieder aufgestellt werden sollen. Ein Großteil der von der Fraport auf rund 8.500 Festmeter geschätzten Menge an „Öko-Holz“ soll an „Trägerbäumen“ zu „Totholzpyramiden“ aufgestellt werden. Dabei nimmt die Fraport in Kauf, dass „durch die angelehnten Stämme an einem Teil der Trägerbäume „größere Rindenabschürfungen“ entstehen, doch reiche die „Vitalität der Trägerbäume“ vermutlich immerhin „für die nächsten 20-30 Jahre“. Doch möglicherweise sterben die Bäume auch viel schneller und die Haltefunktion als Trägerbaum würde hierdurch verloren gehen. „Hier wird die Praxis erst Aufschluss über den Umfang geben können“, heißt es zu dem Problem des Vitalitätsverlustes in der Fraport-Planung.

Hintergrund des „Öko-Schwachsinns“ ist eine Vorgabe, die der Hessische Verkehrsminister mit Zustimmung der Fraport und gegen die Einwände des BUND im Planfeststellungsbeschluss zum Ausbau des Frankfurter Flughafens verankert hat. Danach soll Fraport die im Bereich der geplanten Landebahn gefällten Bäume, die wirtschaftlich einen geringeren Wert haben, in den kleinen verbleibenden Restwaldflächen nördlich und südlich der Landebahn im Kelsterbacher Wald sowie in den Ausgleichsflächen im Rüsselsheimer Wald wieder aufstellen, um die gewaltigen ökologischen Schäden zu minimieren, die die Rodungen verursachen[1] . Die Verlagerung des Totholzes soll insbesondere die Schäden, die durch die Rodung von etwa 200 Hektar und die Zersplitterung der ehemals kompakten Waldfläche von 450 Hektar in kleine Restwaldinseln entstehen, für ökologisch wertvolle Käfer und die verschiedenen Spechtarten „vermeiden“[2].

Die Einwände des BUND wurden vom Wirtschaftsminister pauschal verworfen, denn die Oberste Naturschutzbehörde hatte die Erkenntnis verbreitet, dass die gefällten Bäume als stehendes Totholz in die Restwaldflächen eingebracht werden müssten, damit die Spechte in den toten Bäumen ihre Höhlen anlegen könnten (Schreiben vom 16.11.2007, S. 35). Seither knobelt man beim BUND, ob die höchste Hessische Naturschutzbehörde nicht weiß, dass Spechte ihre Höhlen sogar in gesunde Bäume schlagen oder ob die Behörde von einem Mangel an Bäumen in den Restwaldflächen ausgeht. Letzteres liegt nahe, denn der Fraport wurde zusätzlich auch aufgegeben, Nistkästen für Spechte aufzuhängen.

Die aufrechte Aufstellung der bis zu ca. 20 Meter langen toten Bäume bereite, so meinte die Oberste Naturschutzbehörde vor der Planfeststellung, auch keine Probleme bei der Verkehrssicherungspflicht gegenüber den Waldbesuchern, weil durch einen ausreichend tiefen Einbau der Stämme oder durch die Befestigung „an geeigneten anderen stehenden Bäumen“ die Standsicherheit gewährleistet sei. Diesen Überlegungen widerspricht die Fraport in ihrer Umsetzungsplanung: „Ein Abspannen der aufgestellten Bäume bzw. Baumpyramiden ist im Einzelfall möglich, ist aber nicht als Lösung für die hier umzusetzenden Totholzmengen anzusehen“ (Ausführungsplanung S. 6). Außerdem gibt die Fraport zu bedenken: „Eine (zusätzliche) Abspannung ist teuer und ist auch mit Folgekosten (Rückbau) verbunden, es sei denn, man nimmt Seile/Taue, die verrotten“. Auch das Einlassen in den Boden erweist sich als bisher nicht diskutierte größere Baumaßnahme im geschützten FFH-Wald, denn nach einer „Standsicherheitsabschätzung“ müssen Stämme mit einer Länge von 10 Metern immerhin 2,30 Meter in den Boden eingelassen werden, während für die Stämme mit einer Länge ab 18 Meter sogar eine Baugrube von 3,30 Metern erforderlich ist. Da mehrere tausend Baumstämme bei der Fraport derzeit als Ökoholz gelagert sind, kann man sich beim BUND leicht ausmalen, dass die nun notwendigen Grabungen den erhofften Vorteil der Ökoholz-Anreicherung durch die massiven Störungen und vor allem durch die Tötung zahlloser Tiere bei den Erdarbeiten vollständig ins Gegenteil verkehren und die Schäden am FFH-Gebiet nun noch größer werden.

[1] Planfeststellungsbeschluss S. 150: „Konkretisierend zu der im Maßnahmenblatt MA 8 getroffenen Regelung, soll die einzubringende Holzmenge je nach Holzanfall mindestens 10 Efm/ha betragen und 30 Efm/ha nicht übersteigen. Sofern zwischen Bestandskraft dieses Beschlusses und Beginn der Rodung von Flächen ein Zeitraum von mehr als drei Monaten verbleibt, sind derartige zur Fällung vorgesehene Stämme nach Bestandskraft dieses Beschlusses großzügig in Brusthöhe zu ringeln.“
Planfeststellungsbeschluss S. 1367: „Ergänzend wird übergangsweise liegendes und stehendes Totholz in die nach der Vorhabensrealisie­rung verbleibenden Waldbestände verbracht. Dabei werden in das stehende Totholz einzelne Höhlen für die Arten Grau-, Schwarz- und Mittelspecht gefräst (vgl. Maßnahmenblatt MA 8).“

[2] Planfeststellungsbeschluss S. 1367: „Jedoch profitiert der Balkenschröter von den flächendeckend vorgesehenen Maßnahmen zur Steigerung des Totholzanteils unter anderem der Buche (siehe Schreiben des Hessischen Ministeriums für Umwelt, ländlichen Raum Planfeststellungsbeschluss und Verbraucherschutz vom 06.12.2007, S. 6).
Planfeststellungsbeschluss S. 1368: „Das Anbringen von Nistkästen stellt jedoch zusammen mit der Verbringung von stehendem Totholz und darin angelegten Höhlen eine sofort wirksame Maßnahme dar, durch die unmittelbar, Schlaf-, Brut- und Nahrungshabitate geschaffen werden.“

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