Das Tannenzäpfle – eine leckere Gerstenkaltschale

Überall wird zur Zeit ge“an“t. Mutige Menschen stürzen sich in eiskalte Gewässer zum „Anschwimmen“, gesundheits- und fitnessbewusste machen ihre Räder klar zum „Anfahren“ und andere, die es etwas gemütlicher mögen, putzen ihre Utensilien zum „Angrillen“.

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Nicht nur zum Angrillen, sondern den ganzen Sommer hindurch gehört zum Grillen auch ein gutes Bierchen. Zwar nicht zum Löschen zu hoch schlagender Flammen unter dem Fleisch, wie es unsere Väter noch machohaft zu tun pflegten und dabei nicht selten den Grill komplett löschten, aber als erfrischend herber Durstlöscher.

Damit sind natürlich nicht diese – einfallslosen Marketingfuzzis geschuldeten – Modemixgetränke gemeint, die man nur schwerlich als Bier bezeichnen kann, sondern richtige, echte Biere.

Wie zum Beispiel das „Tannenzäpfle“ von Rothaus aus dem äußersten Süden Badens. Über diese kleine, aber feine Brauerei hat die Frankfurter Rundschau vergangene Woche einen Artikel veröffentlicht, der zeigt, dass der Staat durchaus auch ein erfolgreicher Unternehmer sein kann. Was oft und gern, vor allem von Vertretern der reinen Marktwirtschaftslehre, bestritten wird.

Aber das ist letztlich Nebensache, wenn das Produkt stimmt und als Südbadener in der Diaspora ist man froh um jeden Laden, der das Tannenzäpfle führt. In Kelsterbach ist es EDEKA Wilk an der Südlichen Ringstraße, wo man es käuflich erwerben kann:

Rothaus – Hier braut der Staat
Von Jörg Schindler – Erschienen in der Frankfurter Rundschau
Mag der Bierdurst der Deutschen auch sinken: Die Rothaus-Brauerei im Schwarzwald schüttet in schöner Regelmäßigkeit 17 Millionen Euro Dividende aus. Die Aktien besitzt zu 100 Prozent das Land Baden-Württemberg. Das schadet zumindest nicht, sagen die bescheidenen Braumeister. Ortstermin bei einem Vorzeige-Unternehmen, das nichts von modischen Mixgetränken hält, dafür auf maßvolles Wachstum setzt.

Der Braumeister Max Sachs ist ein Mann wie ein Bier. Gerstenblonde Haare und ein schaumfarbener Stoppelbart ragen aus einem hopfengrünen Trenchcoat, und wenn Sachs zu reden beginnt, hallt der freundliche Dialekt des oberfränkischen Kulmbach durch sein blitzblankes Sudhaus. Der Braumeister Max Sachs ist ein besonnener Mann. Seit genau 22 Jahren verrichtet er mitten im Schwarzwald, 1000 Meter über Normalnull, sein Handwerk. Er findet nichts Besonderes dabei. Gelegentlich erhält er Fanpost von schlichter Poesie aus Freiburg oder Castrop-Rauxel, einmal schrieb einer an die Rothaus Brauerei, Max Sachsens Arbeitgeber: „Ihr Braumeister muss Gott persönlich sein.“ Sachs fand das peinlich. „Ich lauf\‘ ja hier nicht mit Mönchskutte rum und sing den ganzen Tag Hosianna.“ Das lässt er lieber andere tun.

Es ist ein Vormittag Anfang April. Unten im Flachland, in Freiburg, München und im nahen Grenzort Grenzach-Wyhlen, fläzen sie sich schon wieder mit Spaghettiträgern, Sandalen und Gerstenkaltschale in der Sonne. Hier oben aber, im Dickicht von Rottannen, hat der Winter das Land noch im Griff. Verharschte Schneefelder drücken auf die Wiesen, Hochnebel liegt über den Weilern Rothaus und Brünlisbach und verleiht der altrosa Trutzburg des Brauereigebäudes an der Weggabelung etwas Verruchtes.

Alle paar Minuten schlendert ein Handwerker durch das Tor und verschwindet zwischen dicken Mauern, irgendwo hinten grollt dumpf ein Bagger. Ansonsten ist alles so, wie es schon die Alten sungen: „Das schönste Land in Deutschlands Gau\’n, das ist mein Badner Land, es ist so herrlich anzuschauen und ruht in Gottes Hand.“ So geht sie los, die inoffizielle Hymne von Deutschlands erfolgreichstem Staatsbetrieb. Und das mit der Ruhe ist wörtlich zu verstehen.

Seit bald 217 Jahren brauen sie hier in der Abgeschiedenheit des Hochschwarzwaldes ihr herbes Nassgold. Im Grunde hat sich seit den Tagen, als Fürstabt Martin Gerbert Am Roten Haus die erste Maische vergären ließ, nicht viel an der Unternehmensphilosophie geändert. Dem Braumeister ward damals auferlegt, er dürfe „unter keinem derlei Vorwande ein schlechtes Bier“ erzeugen und habe „den Debit und Ruhm der Anstalt zu erweitern“. Das tun sie seither in Rothaus – heute mehr denn je. Das Bier der Badischen Staatsbrauerei, das noch vor wenigen Jahrzehnten selbst in Stuttgart als Exoten-Gebräu galt, wird heute selbstverständlich an unzähligen Tresen in Frankfurt, Hamburg und Berlin ausgeschenkt. Das „Tannenzäpfle“, ein schlankes Pils mit Retro-Charme, ist Kult selbst unter den verhöhnten „Porno-Schwaben“ der Hauptstadt. Und während die Branche seit Jahren unter dem mangelnden Bierdurst der Deutschen ächzt, baut Rothaus seinen Marktanteil von Bilanz zu Bilanz weiter aus.

Ein Erfolg, den die Schwarzwälder mit der ihnen eigenen Gelassenheit betrachten: „Man braucht Kraft zur Bescheidenheit“, sagt Geschäftsführer Thomas Schäuble, als Weinliebhaber mit erstaunlicher Bierruhe gesegnet.

Nun ist es nicht so, dass sie in Rothaus von Staats wegen dem Schlendrian frönen und kein Geld verdienen wollen. Das Gegenteil ist der Fall. Dafür sorgt schon einer wie Schäuble, der in acht Jahren als CDU-Innenminister von Baden-Württemberg das Bohren dicker Bretter gelernt hat. Aber es ist eben auch nicht so, dass sie auf Teufel komm\‘ raus expandieren wollen. Deshalb findet es Schäuble zwar „ganz nett“, dass nun auch gepiercte Berliner am „Tannenzäpfle“ nuckeln. Mehr aber auch nicht. „Man sieht ja jetzt an der Finanzkrise dieses sinnlose Wachstum, als wollte man Weltreiche erobern.“ Im Schwarzwald gibt man sich schon mit Baden zufrieden.

Es anders zu machen als alle anderen, das war in der Badischen Staatsbrauerei schon so, bevor Thomas Schäuble 2004 das Kommando übernahm. Dabei befindet sich die Bierbranche in einem Umbruch ohne Beispiel. Seit mehr als 30 Jahren geht der Bierkonsum der Deutschen beständig zurück – zugegeben, von einem hohen Niveau aus. Trank der Durchschnittsbürger 1975 noch 148 Liter im Jahr, waren es 2006 noch ganze 116, Tendenz fallend.

Die Brauereien reagierten mit ungeheurem Aufwand. Schalteten sündhaft teure Fernsehwerbung. Köderten Kunden mit der beruhigenden Aussicht, Bier trinkend den Regenwald zu retten. Und erfanden ein neues, irgendwie gerstenhaltiges Mischgebräu nach dem anderen. Cola und Bier. Kaktusfeige und Bier. Cappuccino und Bier. Neue Etiketten, neue Slogans, neue Zielgruppen, je jünger, desto besser. Es half nichts. Branchenkenner sagen voraus, dass von den knapp 1300 Brauereien in Deutschland bald schon die Hälfte verschwunden sein könnte. Das hat die Panik noch verschlimmert. Nur in Rothaus, im Badner Land, herrscht Ruh‘.

Wer an einem x-beliebigen Werktag vor dem alten Gemäuer im Nirgendwo stoppt, könnte argwöhnen, dass sie hier deswegen noch nie Fernsehwerbung geschaltet haben, weil es womöglich nicht mal einen Kabelanschluss gibt. Alles wirkt ein wenig vorgestrig hier, wo in vier Himmelsrichtungen mächtige Rottannen den Ausblick verbauen, der Geruch gemälzter Gerste durch die Wipfel wabert und der Bleisbach plätschert. Auch das Etikett des „Tannenzäpfle“ ist ja nicht mehr verändert worden, seit Grafiker Roland Jenne aus Kirchzarten anno 1972 sein fast schon real-sozialistisch anmutendes Mädel entwarf. Von tapferen Trinkern wurde sie „Biergit Kraft“ getauft, abgeleitet von „Bier git Kraft“ – das ist Alemannisch und beinahe ausgestorben.

Rothaus unter 20 größten Brauereien Deutschlands

Der Eindruck aber täuscht: Hinter den Burgzinnen verbirgt sich eine der modernsten Brauereien Deutschlands. 200 Millionen Euro haben sie hier allein in den vergangenen 15 Jahren investiert und trotzdem kein einziges Mal nennenswerte Schulden gemacht. Im Gegenteil: Trotz Wirtschaftskrise schüttet die Rothaus AG dem Land Baden-Württemberg, das 100 Prozent der Aktien hält, noch immer in schöner Regelmäßigkeit rund 17 Millionen Euro an Dividende aus. 30 Prozent beträgt die Rendite des Unternehmens. Andernorts besaufen sie sich schon, wenn sie die acht Prozent kratzen.

Dahinter steckt, natürlich, ein ausgeklügeltes Konzept. Firma Rothaus setzt nicht auf bunte Fernsehwerbung, sondern darauf, unzählige Vereine in der ganzen Region zwischen Karlsruhe, Lörrach und Konstanz mit Kleckerbeträgen zu sponsern. So kommt es, dass die meisten Kunden das „Tannenzäpfle“ immer noch für ein putziges Heimatbier von hinter den sieben Bergen halten – dabei ist Rothaus klammheimlich bereits unter die 20 größten Brauereien Deutschlands aufgestiegen. Das alles freilich, sagt der gelassene Herr Schäuble, könne nur funktionieren, weil eines stimmt: das Produkt. Das jedenfalls könne er auch als Spezialist für badischen Wein sagen: „Unser Bier ist gut.“

Hier nun kommt wieder der Brauereimeister Max Sachs ins Spiel, ein Mann von der Statur eines Gert Fröbe und dem Gemüt eines Alfred Biolek. Der 58-Jährige, der sich einst von Kulmbach über Binding und Schwelm bis nach Rothaus braute, verbürgt sich heute dafür, sein Bier so gewissenhaft herzustellen, wie es schon seine Urahnen 1792 taten. Dafür geben die Rothäuser im Schnitt auch mehr aus als die Konkurrenz.

Die Gerste aus integriertem Anbau lassen sie vom Bodensee herankarren, das weiche Wasser stammt aus sieben eigenen Quellen, ins Bier kommt nicht der günstigere Bitter-, sondern Aromahopfen. Auch die Stammwürze haben sie konstant bei über zwölf Prozent gehalten. Andere liegen längst darunter – weil sie dafür weniger Biersteuer zahlen müssen. „Wir sind uns treu geblieben“, sagt Sachs. Das mache sich gerade jetzt, in der Krise, bezahlt.

Wie der Badener Schäuble hält auch der Franke Sachs nichts von allzu vielen „Neuerungen“. Spricht man ihn auf modische Biermixgetränke an, wird er für einen Moment garstig: „Im Mittelalter hat man diese Leute in ihren eigenen Fässern ersäuft.“ Das wird Sachs nicht passieren. Er ist hier in der Bergluft der Lordsiegelbewahrer einer behutsamen Brautradition. Das hier ist sein Bier. Er kümmert sich drum. So wie er sich um alles andere auch kümmert. Er hat lange überlegt, bevor er sich auf das „Experiment“ einließ, Radler und demnächst dann auch alkoholfreies Pils herzustellen. Er findet es auch nicht erstrebenswert, irgendwann die Ein-Million-Hektoliter-Grenze zu überqueren. „Ich habe ein bisschen Angst vor der Million“, sagt Sachs. Wer weiß, wohin die Gier dann führen würde. Der Braumeister Max Sachs personifiziert die Bescheidenheit, von der Thomas Schäuble zuvor sprach. „Es muss passen“, sagt er, „und ich weiß, was zu uns passt.“

Da ist zum Beispiel der Single-Malt-Whisky, den er vor ein paar Jahren aus Rothaus-Maische destillieren ließ und der Ende des Jahres auf den Markt kommen wird. Der passt, findet Sachs. Da ist das kleine Hotel neben der Brauerei, das sie 2007 erwarben und zu einem heimeligen Gasthof umbauten, der heute so aussieht, als sei er nie anders gewesen. Und da ist die kleine „Erlebniswelt“, die gerade aus dem Boden gebaggert wird. Die ergänzt den nagelneuen „Zäpfleweg“, eine Art Trink-dich-Pfad, der Besucher auf dem Außengelände in die Welt des Bierbrauens einführt. Das ist dann schon die zweite Attraktion der Region – neben Dr. Brinkmanns Häusle aus der Schwarzwaldklinik.

Ja, auch in Rothaus gehen sie mit der Zeit. Aber einen bedächtigen Schritt nach dem anderen. Behutsam formen die Staatsbrauer das Unternehmen nach ihrem Bild. Soll keiner auf die Idee kommen, ihnen sei der Erfolg zu Kopf gestiegen. Zur Nachahmung würde Schäuble seinen Laden aber dennoch nicht empfehlen. „Biere können nicht den Beweis erbringen, dass der Staat ein guter Unternehmer ist.“ Das Gegenteil beweisen sie allerdings auch nicht.

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