Okriftel & Der Raubzug der Barbaren

Als der Kommerzienrat und aktive Förderer des Frankfurter Senckenberg-Museums Philipp Offenheimer 1930 starb, hinterließ er seiner Frau Lucie, seinem Sohn Ernst und seiner Tochter Marie Therese ein florierendes Unternehmen. Und der Gemeinde Okriftel so manche Wohltat: „Er unterstützte den Bau des ersten Okrifteler Rathauses im Jahr 1930, das mit Bürgermeisterwohnung, Volksbad und Schwesternstation ausgestattet war. Der kleinen jüdischen Gemeinde hatte er auf seinem Firmengelände ein Gebäude als Schule und Betsaal zur Verfügung gestellt.“*

Mit 27 Arbeitern und zwei Verwaltern hatte Philipp Offenheimer, ein Frankfurter Geschäftsmann, Mitte der 1880er Jahre die „Cellulosefabrik Phil. Offenheimer Okriftel“ gegründet. Er war ein Pionier der deutschen Celluloseindustrie:  zur Jahrhundertwende beherrschte er den deutschen Papier-, Kohlepapier-, und Zellulosemarkt.

Bevor die Arisierung jüdischen Besitzes durch die Nazis begann, setzte Okriftel jährlich 8,5 Mio. Reichsmark um, produzierte 18000 Tonnen gebleichte Zellulose und 6500 Tonnen hochwertiges Papier.

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Bald nach der – von der Großindustrie unterstützten – Machtergreifung durch die braunen Horden begannen die Schikanen gegen „nichtarische“ Betriebe.  So auch in Okriftel. Unter anderem kappte die Berliner Zentrale für Holzzuteilung der Firma ihre Lieferungen um 25% und reduzierte so Schritt für Schritt Okriftels Produktion. Trotzdem wies die Bilanz für 1937 noch immer einen Umsatz von rund einer Million Reichsmark aus.

Die Frankfurter Handelskammer erhöhte den Druck: Handelskammerpräsident Prof. Dr. Carl Lüer verlangte von den Eigentümern, „die Firma endlich an Arier“ zu verkaufen. Es wurde eine Schätzung veranlasst, die den Wert der Fabrik Ende März 1938 mit 9,4 Millionen Reichsmark wesentlich niedriger als die 12 Millionen veranschlagte, die sie Wert war.

Die Wochen danach müssen für Lucie Offenheimer und ihre Kinder Ernst und Marie-Therese unerträglich gewesen sein.  Da trat mit dem Pfälzer Friedrich Minoux ein angeblich ebenso „judenfreundlicher“ wie sicherlich skrupelloser Berliner Geschäftsmann auf den Plan. Er hatte es als Angestellter des antidemokratischen Hitler-Finanziers und Industrie-Tycoons Hugo Stinnes,  später mit einer Kohlegroßhandlung und als Mitbegründer der „Berliner Städtische Elektrizitätswerke Akt.-Ges.“ (BEWAG) zu Reichtum gebracht.

minouxFriedrich Minoux

Offenbar mit besten Verbindungen zu lokalen und überregionalen Nazigrößen ausgestattet, erwarb Minoux Okriftel für den lächerlichen Betrag von 3,65 Mio. Reichsmark. Doch auch von diesem Bruchteil des Werts ihrer Fabrik sahen die Offenheimers – nichts: Eine Million Reichsmark kassierten die Nazis sofort als Sondersteuer für Juden, die Deutschland verließen und das übrige Geld kam auf ein Treuhandkonto bei der – ebenfalls „arisierten“ Dresdner Bank, heute aufgegangen in der Commerzbank.

In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 mussten die Offenheimers sich verstecken und flüchteten sofort nach London und später nach San Francisco, wo einige ihrer Nachfahren noch heute leben.

Friedrich Minoux selbst zahlte für die Fabrik gerade einmal 650.000 Reichsmark: für den Rest belieh er den Grund und Boden der Fabrik. Und nur den Grund und Boden! Kein Gebäude, keine Anlage, keine Maschine! Eigentlich ein Deal, der einer heutige Heuschrecke so manchen  heutigen Investor grün vor Neid werden lassen müsste!

Dennoch scheint Okriftel für Minoux kein Erfolg  gewesen zu sein: Infolge von Kriegswirtschaft, Arbeitskräftemangel und vielleicht auch wegen der Inkompetenz des neuen Besitzers sank der Umsatz der Fabrik in den Folgejahren auf rund 200.000 Reichsmark, der wohl gerade reichte, um die Kredite zu bedienen.

Letztlich ereilte Minoux sein Schicksal: 1940 wurden Betrügereien mit der BEWAG entdeckt. Er wurde zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt, ’45 von der Roten Armee befreit. Kurz darauf starb er.

Zurück nach 1940: Die Gelegenheit war günstig und der Parteibonze und SS-Sturmbannführer Fritz Kiehn aus dem schwäbischen Trossingen riss sich die Firma unter den Nagel. Der mittelständische Unternehmer (jeder Zigarettendreher kennt die „Efka“-Blättchen) war ein typischer NS-Parvenü und Mitglied des „Freundeskreises SS“ von Heinrich Himmler. (Wohl ein Schleimscheißer von „Diederich-Hessling“-Ausmaßen, den man aus Heinrich Manns „Untertan“ kennt.)

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Fritz Kiehn

Doch auch für ihn war Okriftel kein gutes Geschäft: Der Krieg war bald vorbei und das gloriose 1000-jährige Reich lag nach nur 12 Jahren in Trümmern. Er selbst saß, nach heldenhafter Flucht ins österreichische Innsbruck, bis 1949 in alliierter Haft, was er später so konsequent wie pervers als „seine Zeit im Konzentrationslager“ bezeichnete.

Doch der Altnazi Kiehn schaffte mit seiner Zigarettenpapierfabrik unter tätiger Mithilfe von CDU und FDP (seinerzeit ein Sammelbecken für alte Nazis) den Wiederaufstieg in den 50ern – beherbergte Nazi- Größen wie Baldur von Schirach oder Elly Beinhorn, verheiratete seine Enkelin Gretl mit Schirachs Adjutanten und SS-Mann Fritz Wieshofer – und starb als hoch geachteter Trossinger Bürger: Nach ihm sind noch heute ein Platz der Stadt und eine Sporthalle benannt.

Was mit „Okriftel“ zwischen 1945 und 1949 passierte, ist nicht klar: ob die Fabrik still stand oder unter der Führung der US-Besatzungsmacht produzierte, war nicht zu ermitteln. Das wissen aber sicher die älteren Okrifteler.

Ende der 1940er Jahre wurde die Fabrik restituiert, d.h. an die Familie Offenheimer zurück gegeben, die 1951 an die Phrix AG verkaufte.

Nicht jedem, wie z.B. einem Josef Neckermann, der als „erfolgreicher Arisierer“ bekannt wurde, gereichte der Naziraubzug zum Vorteil.

*http://www.hattersheim.de/stadtinfo/geschichte/okriftel.html

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