Phrix – Denk- und Mahnmal deutscher Industriegeschichte

Turbulent muss es zugegangen sein, damals, im Laufe des Jahres 1970 drüben in Okriftel. Dort hatte die Hamburger Phrix AG ein Werk. Als Hersteller von Cellulose und Kunststofffasern war die Phrix AG 1948 neugegründet worden. Das Unternehmen ging hervor aus der 1939 gegründeten Phrix-Arbeits- und Verkaufsgemeinschaft mehrerer Unternehmen und war durch den Einsatz von Zwangsarbeitern während der Nazizeit belastet. Das Werk, wie die gesamte Firma, stand auf der Kippe.

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Erst Anfang 1967 für 155 Mio. DM von der Ludwigshafener BASF gekauft, die sich als reiner Rohstoffliefernat durch Firmenzukäufe ein Standbein in der Weiterverarbeitung verschaffen wollte, geriet die Phrix AG auf Grund eines gnadenlosen Wettbewerbs, fallender Preise – die übrigens Jahre später auch das Aus für die Enka in Kelsterbach bedeuten sollten – und, wie man vermutete, weil die Phrix-Manager die Lage der Firma bei der Übernahme durch die BASF wesentlich rosiger dargestellt hatten als sie in Wirklichkeit war,  immer weiter in Schieflage.

Für das Jahr 1970 mussten die BASF und ihr amerikanischer Partner Dow Chemical mit einem Verlust von 66 Mio. DM rechnen. In dieser Situation zogen die Eigentümer die Reißleine und schlossen die Werke in Krefeld und Okriftel: „Das Phrix-Debakel erregte in der Öffentlichkeit großes Aufsehen und wurde selbst in der liberalen Wirtschaftspresse als Prüfstein für die Glaubwürdigkeit eines sozial verpflichteten Kapitalismus betrachtet.“*

Nachdem klar geworden war, dass die Fabrik in Okriftel nicht gehalten werden sollte, bemühte sich die IG Chemie um einen Sozialplan für die Mitarbeiter, den der „Kommunistische Nachrichtendienst“ aus Bochum am 9.9. 1970 kommentierte:

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„Über den Phrix-Betrieben in Okriftel wehte letzte Woche die schwarze Fahne. Der Betrieb wird stillgelegt. Die Kapitalisten bei Phrix hatten diesen Beschluß möglichst lange hinausgezögert, um den Arbeitern in Okriftel noch Hoffnungen zu machen. Nach den Verhandlungen mit den Hamburger Phrix-Bossen haben die IG Chemie, Papier, Keramik und der Gesamtbetriebsrat jetzt einen Sozialplan durchgesetzt, der 18 Mio. DM umfassen soll. Zuerst wollten die Kapitalisten bei Phrix nur 3 Mio. DM für ‚Härtefälle‘ rausrücken. Nach dem jetzt ausgehandelten Sozialplan erhält z.B. ein 48-jähriger Arbeiter bei 20 Jahren Betriebszugehörigkeit und einem Monatseinkommen von 1 330 DM eine Abfindung von 6 550 DM. Außerdem soll das Wohnrecht der Arbeiter erhalten bleiben. Während der Verhandlungen in Hamburg wurden die Kollegen in Okriftel fast gar nicht von den Ergebnissen informiert. Die Phrix-Kapitalisten bemühen sich weiterhin, die Arbeiter in Okriftel an andere Kapitalisten zu verschachern, damit ihre Verluste nicht ganz so groß werden und damit sie möglichst wenig Abfindung zahlen müssen. So sind jetzt die Farbwerke Hoechst daran interessiert, Arbeiter der Phrix-Werke in Okriftel zu übernehmen. Hoechst will natürlich nicht alle Arbeiter übernehmen, sondern nur die ‚geeigneten‘. D.h. möglichst junge Arbeiter, die gesund sind und bei denen noch die Hoffnung besteht, daß man sie noch lange ohne große Kosten ausbeuten kann.“

So schriebe heute nicht einmal mehr die „Linke“ über eine Werksschließung.

40 Jahre ist die Phrix jetzt zu und sie steht – als Industriedenkmal – immer noch. Reichlich ramponiert zwar, aber sie steht und beherbergt heute Künstler und zahlreiche Kleinbetriebe.

Die „Badische Anilin- und Sodafabbrik“ (BASF) musste sich nach dem Phrix-Desaster lange als „Badische Annullier- und Stornofabrik“ verspotten lassen, aber das nur am Rande.

*Die BASF. Eine Unternehmensgeschichte. hg v. Wolfgang Abelshauser, Ch. Beck, 2003, S. 566

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